Kommentar: Klassische Rennstrecken werden zum Problem für Electric GT

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Electric GT Strecke

Elektrischer Motorsport ist in den vergangenen drei Jahren dank der Formel E mehr und mehr salonfähig geworden. Zwar gibt es nach wie vor viele Skeptiker, die behaupten, Rennen ohne laute Motoren seien kein Motorsport. Wacht auf, liebe Leute. Der Umbruch im Automobilsektor ist nicht zu übersehen. Treibende Kraft ist die politische Komponente: Immer mehr Regierungen beschließen, ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch elektrische Neuwagen zuzulassen. Daraufhin entsteht für die Hersteller ein enormer Handlungsdruck. Viele OEMs stellten daher in diesem Jahr ihre ersten E-Autos vor. Der Trend hin zur Elektromobilität ist nicht mehr abzuwenden.
Das gilt auch für den Motorsport, denn dieser war seit jeher ein Abbild jener Technologien, die schließlich im Straßenverkehr zum Einsatz kommen. Je früher diese Einsicht kommt, desto besser. Deshalb haben Mark Gemmell, Agustin Paya und Co. bislang vieles richtig gemacht. Sie sind mit ihrer Electric GT schon frühzeitig in den Windschatten der Formel E eingetaucht. Die erste rein elektrische Tourenwagenserie der Welt verfolgt ähnliche Prinzipien und Werte wie das unausgesprochene Vorbild aus dem Formelsport. So setzt die EGT beispielsweise ebenfalls auf Nachhaltigkeit – sogar noch vehementer als die Formel E.

Im kommenden Jahr 2017 soll es losgehen. Dann werden 20 modifizierte Tesla Model S P100D auf einigen der bekanntesten Rennstrecken der Welt an den Start gehen. In diesem Punkt unterscheidet sich die Tourenwagenmeisterschaft grundlegend von der Formel E, denn statt in Stadtzentren zu fahren, geht die EGT wieder einen Schritt zurück und auf traditionelle Rennstrecken – zum Teil weit ab vom Schuss. Eine Tatsache, die den Durchbruch der Serie möglicherweise verhindern oder zumindest verlangsamen könnte.

Tradition und Moderne

Denn der Motorsport ist nicht mehr das, was er mal war. Eine Ursache ist seine Wahrnehmung durch jüngere Generationen. Viele Jugendliche wollen heute weder ein eigenes Auto besitzen, noch ein ganzes Wochenende opfern, um einen Rennwagen auf einer abgelegenen Strecke fahren zu sehen. Nicht zuletzt wegen des Internets gibt es schlichtweg zu viel anderes zu tun. Zwar setzt die Electric GT auch auf digital und spricht jüngere Leute an, doch es wird sich zeigen, wie viele von ihnen tatsächlich an die Strecken kommen werden. Mal provokant formuliert: Zu viel Zeitaufwand, zu wenig Unterhaltung.

Diesem Vorwurf will die Electric GT mit einem ganzheitlichen Eventcharakter während der Rennwochenenden entgegenwirken. Trotzdem wird man keine „Mainstream-Zuschauer“ spontan von der Fußgängerzone an die Rennstrecke locken – ein großer Vorteil, den die Formel E dank ihrer Stadtrennen genießt. Die Formelserie erregt zwangsläufig öffentliches Aufsehen, weil ein Straßenrennen nicht so einfach übersehen ist. Zumal die Lokalpresse stärker darüber berichtet, wenn Anwohner, Verkehrsführung und ähnliches betroffen sind. Die EGT muss dementsprechend mehr promoten, um auf eine Rennveranstaltung aufmerksam zu machen.

Ein weiterer Aspekt sind die Zuschauerzahlen. Der Veranstalter eines Stadtrennens kann ungefähr kalkulieren, wie viele Fans er bei einer Veranstaltung erwarten kann. Dementsprechend stellt er Tribünen auf, die den Vorabschätzungen entsprechen. Die klassischen Rennstrecken hingegen bringen eine feste Infrastruktur mit, und die Tribünen bieten häufig sehr vielen Menschen Platz. Bei einer neuen Serie wie der Electric GT dürften viele dieser Sitze voraussichtlich erst einmal frei bleiben. Darunter würde das ganze Event und die Stimmung vor Ort leiden.

Der Tesla-Faktor

Was der Electric GT helfen könnte, ist der Tesla-Faktor. Kaum eine Automarke hat in den vergangenen Jahren so die Schlagzeilen dominiert und in kürzester Zeit einen derartigen Kultstatus entwickelt wie das Unternehmen von Elon Musk. Erkläre ich Freunden die EGT mit den Worten „die erste elektrische Tourenwagenserie“, bekomme ich ein anerkennendes Nicken als Reaktion, das mir signalisiert: Zur Kenntnis genommen. Wenn ich jedoch von einer neuen Tesla-Rennserie spreche, sehe ich das Interesse in den Augen meines Gegenübers. Tesla ist cool und steht für frischen Wind und Wagemut. Das könnte der Electric GT zugutekommen.

Laut Veranstalter will sich die Rennserie nach und nach auch anderen Herstellern öffnen und begrüßt den Wettbewerb. Wann es dazu kommen könnte, ist allerdings noch nicht abzusehen. Bislang gibt es keine ernsthafte Konkurrenz für das Model S, das relativ einsam in seinen Klasse aufwartet. Und auch in den nächsten Jahren sieht es noch recht mau aus, denn viele Hersteller setzen auf andere Maße bei ihren ersten Elektroautos.

Audi zum Beispiel bringt 2018 zunächst einen Elektro-SUV auf den Markt. Für einen Vergleich mit Tesla auf der Rennstrecke dürfte der e-tron eher ungeeignet sein. Gleiches gilt für den Wettbewerber Mercedes, der auf der Messe Paris ebenfalls ein SUV vorgestellt hat. BMW setzt mit dem i3 bis dato allein auf Kleinwagen für die Innenstadt, schließlich ist der i8 ein Hybridauto. Und wieder andere Start-ups wie NextEV haben sich zunächst für schier unbezahlbare Hypercars entschieden.

Für den Wettbewerb braucht es ähnliche Fahrzeuge. Sobald diese existieren, könnte die Electric GT auch für Hersteller interessant werden. Aber wohl erst dann.