DTM-Experte im Interview über Electric GT: „Rennsport wird sich elektrisch entwickeln“

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DTM-Experte Interview Electric GT

Wir haben uns mit verschiedenen Motorsportexperten unterhalten, um uns Meinungen zur Electric GT einzuholen. Erich Hirsch betreibt seit 2012 die Blogs ‚www.dtmblog.net‚ und ‚Bildpresse 2016‚, die sich unter anderem mit der DTM befassen. Seine Affinität zum Motorsport kam daher, dass er nach dem Abitur eine dreijährige Kraftfahrzeugmechanikerlehre erfolgreich absolviert und das Benzin in seinem Blut entdeckt hat. Seit 2015 ist der Münchener zudem Redakteur bei ‚e-Formel.de‚ und beschäftigt sich mit der Formel E. Erich spricht über die Unterschiede zwischen Electric GT und DTM, das Konzept der EGT und die Zukunft des Motorsports.

Erich, worin liegen die Unterschiede zwischen einem Tesla S-Renner, wie er in der Electric GT zum Einsatz kommen wird, und einem DTM-Boliden?

Ein Thema ist das Gewicht: Der Tesla wiegt circa 1.800 kg. Er ist also deutlich schwerer als das DTM-Auto, das ein Basisgewicht von 1.120 kg inklusive Fahrer auf die Waage bringt. Die DTM-Autos bieten ein Vollkarbon-Chassis und sind somit leichter. Tesla hat ein Alu-Chassis, das etwas schwerer ist als Carbon. Es gibt also einen Unterschied von rund 700 kg. Die Batterie im Tesla wiegt allein schon etwa 600 kg. Mit einem DTM-Auto kann man dank innenbelüfteten Karbon-Bremsscheiben und vor allem dem leichteren Gesamtgewicht viel später bremsen als mit einem Tesla.

Auch die Leistung ist ein Thema. Tesla bringt circa 795 PS mit, die DTM nur 480. Hier ist ganz klar das Topmodell von Tesla im Vorzug. Die Beschleunigung eines E-Motors ist zudem unglaublich gut. Die maximale Geschwindigkeit von etwa 250 km/h ist hingegen in beiden Fahrzeugen sehr ähnlich. Der Tesla hat ein Drehmoment von 995 Nm und kommt von 0 auf 100 km/h in 2,7 Sekunden. Im Vergleich die DTM: 500 Nm und von 0 auf 100 km/h in circa 3,0 Sekunden.

Der Tesla E-Motor ist im Heck verbaut, der DTM-V8-Saugmotor hingegen sitzt an der Front des Autos. Das Fahrverhalten ist somit ein anderes. Was die Aerodynamik angeht, gibt es einen weiteren Unterschied. Die DTM ist auf maximalen Anpressdruck getrimmt. Beim Tesla spielt womöglich auch ein geringer Luftwiderstand eine Rolle, damit der Akku das ganze Rennen durchhält.

EGT und DTM sind vom Renntyp her ja sehr ähnlich. Wo sind die entscheidenden Unterschiede? Gibt es überhaupt für den Laien ersichtliche Unterschiede?

Die DTM bietet das klassische Konzept eines Rennwochenendes von Freitag bis Sonntag, die Electric GT nur einen Renntag. Ich finde es von der EGT gut, da am Wochenende mit einem Renntag mehr Zeit für die Familie bleibt. Ähnlich wie in der Formel E soll alles sehr kompakt sein, was natürlich auch mehr Stress für Fahrer und Teams bedeutet. Für die Zuschauer ist das klasse, da man an einem Tag neben Training und Qualifying auch noch zwei Rennen geboten bekommt – eines mehr als in der Formel E. Daher ist es ein sehr gutes Konzept.

Was hältst du vom Rahmenprogramm beider Serien?

Die DTM bietet Liveacts bekannter Künstler, Autogrammstunden, Gridgirl-Shootings und Rahmenserien wie Formel 3 und Porsche Carrera Cup während eines Wochenendes. Da muss sich die EGT was einfallen lassen, dass zwischen den Sessions keine Leerlaufphasen beziehungsweise Pausen entstehen. Die Zuschauer wollen unterhalten werden. In der Formel E gibt es das eRace und das eVillage, aber leider bislang keine Rahmenserien während der Pausen – ein Kritikpunkt einiger Live-Besucher. Daher wird es wichtig sein, dem Zuschauer auch Rahmenrennen zu bieten. Nur Marketing mit dem Namen Tesla wird allein nicht genügen.

Du kennst die verschiedenen Konzepte von Formel E und DTM. Die Electric GT wird wie die DTM auf festen Strecken fahren, nicht auf Stadtkursen. Gut oder schlecht?

Die Rennen gehören in die Stadt, nicht abseits. Von daher macht es die Formel E wesentlich besser. DTM und EGT fahren beide auf permanenten Rennstrecken. Der Mensch will allerdings nicht mehr weit zu den Rennstrecken hinausfahren. Die Rennen müssen in die Städte kommen, damit zieht man auch Nicht-Motorsportinteressierte an. Dann ist es ein echtes Event.

Welche Hersteller wünscht du dir neben Tesla mit eigenem Team in der EGT?

Ich würde mir mehr Hersteller wünschen, die mit GT-Fahrzeugen in die Serie kommen. Da wären zum Beispiel BMW oder Mercedes zu nennen, da sie im normalen GT-Rennsport bereits über viel Erfahrung verfügen.

Die Electric GT startet 2017, ein E-Rallycross-Ableger ist geplant, und die Formel E hat sich etabliert. Ist der Verbrennungsmotor angezählt? Wie wird sich der Motorsport in Zukunft entwickeln?

Der Rennsport wird sich elektrisch entwickeln, allerdings stirbt der klassische Rennsport mit Verbrennungsmotoren nicht aus. Es wird in mehr Serien zu einer Hybridlösung kommen, so wie wir sie bereits in der WEC sehen. Wieder andere Serien werden sich in Extreme flüchten, um Zuschauer anzulocken. Die Formel E wird sich weiterentwickeln. Wenn 2018 die großen Hersteller Mercedes und BMW kommen, wird es allerdings wichtig, die Kosten im Rahmen zu halten und nicht alles für die Entwicklung freizugeben. Andernfalls kommt es zu einer Kostenexplosion, die weder für die Serie noch für die Hersteller und kleine Teams positiv ist.

Auf welchen Fahrer aus dem bisher bekannten Line-up der Electric GT freust du dich am meisten? Wer fehlt für dich noch, wen würdest du dir wünschen?

Von den Fahrern sagen mir die wenigsten etwas. Gut finde ich, dass auch Frauen dabei sind, es also zu einem gemischten Fahrerfeld kommt. Auch die Formel E hat bereits einigen Damen die Chance gegeben: Michela Cerruti, Katherine Legge und Simona de Silvestro. Auch die DTM beschäftigte etwa mit Legge, Mouton und Rahel Frey mehrere Frauen. Von daher ist es sehr zu begrüßen, dass auch in der EGT Frauen mitfahren. Tom Coronel ist sehr cool für die Serie, auch wenn er nicht mehr zu den Jüngsten im Fahrerfeld zählt. Ich würde mir Heinz-Harald Frentzen wünschen, der den Tesla S der EGT schon mal selbst getestet hat und privat auch Tesla fährt.