Formel-E-Experte im Tech-Interview: „Tesla muss Electric GT entwickeln lassen“

302
Formel-E-Technikexperte Interview Electric GT

Wir haben uns mit verschiedenen Motorsportexperten unterhalten, um uns Meinungen zur Electric GT einzuholen. Tobias Bluhm, Redakteur und Technikexperte bei ‚e-Formel.de spricht über Racing Performance, Kinderkrankheiten, Reifen und vieles mehr. Der Berliner schreibt seit Sommer 2014 für die deutschsprachige Portalseite zur Formel E und hat die Electric GT seit ihrer ersten Ankündigung verfolgt. Besonders interessiert er sich für die technologische Weiterentwicklung der Fahrzeuge.

Tobi, wie bewertest du nach Bekanntgabe der technischen Daten des EGT-Fahrzeugs dessen Rennperformance?

Der Tesla ist ein richtiges Rennauto! Das Team um Agustin Paya hat in Zusammenarbeit mit Campos, dem Rennteam, das hinter dem erfolgreichen Mahindra-Formel-E-Team steht, wirklich alles aus dem Model S herausgeholt. Viel mehr geht nicht, wenn man an die Motoren und Akkus nicht heran darf.

Wer neben dem Auto steht, wird sehr beeindruckt von der Power des Tesla sein: Ein 100-kWh-Akku ist schon eine ziemliche Hausnummer, besonders im Vergleich zur Formel E, die mit 28 kWh auskommen muss. Ich bin nur gespannt, ob der rohe Speed auf den enorm breiten permanenten Rennstrecken auch zur Geltung kommt. Wäre schade, wenn die Geschwindigkeit im TV nicht so rüberkommt, wie sie sollte. Da kann man sich aber bestimmt von der WTCC einiges abgucken.

Was könnte der Electric GT in technischer Hinsicht auf die Füße fallen?

Aus technischer Sicht fällt der EGT möglicherweise der Motor auf die Füße. Das Aggregat ist mit 396 kW natürlich enorm leistungsstark – aber wenn es dort keinerlei Evolution geben sollte, schalten die Zuschauer vielleicht ab.

Tesla muss den EGT-Ingenieuren – anders als es bisher der Fall ist – unbedingt die Weiterentwicklung des Antriebsstrangs erlauben und sich von der Idee trennen, die EGT würde erfolgreich werden, wenn man nur das aktuelle Serienfahrzeug (zumindest aus technischer Sicht) demonstriert. Dazu kann man nämlich auch ins Autohaus gehen. Die EGT muss an der Technologie entwickeln dürfen – sonst wird das Unterfangen ein Schuss in den Ofen. Die Frage ist, ob Tesla das zulässt…

Was sagst du zum Reifenkonzept mit Pirelli? Man fährt hier ja eine andere Linie als bei der Formel E. Die Slicks der EGT sind weniger nachhaltig, bringen dafür mehr Performance.

Für eine Tourenwagenserie sind Reifenwechsel definitiv gut. Ein Boxenstopp mit einem klemmenden Rad und einer panischen Boxencrew bringt schlicht und ergreifend Spannung ins Rennen – das gilt eigentlich für alle Rennserien gleichermaßen.

Um sich von der Formel E abzuheben, was eh schon sehr schwer werden wird, sollte meiner Meinung nach definitiv ein Pflichtboxenstopp ins Regelbuch aufgenommen werden – und im Zusammenhang verschiedene Härtegrade bei den Reifen. Da man dank der großen Batterie voraussichtlich auch nicht in Energienot kommt, würde der im GT-Sport übliche Pflichtstopp ein wichtiges taktisches Element im Rennen werden.

Welche Vor- oder Nachteile bringt ein modifiziertes Serienfahrzeug?

Für Tesla ist die EGT wirklich ideale Werbung. Da sich Renn- und Serienfahrzeug technisch nicht groß unterscheiden, sehen die Kunden quasi ihren potenziellen nächsten Familienwagen auf der Strecke. Der Vorteil liegt damit auf langer Sicht also hauptsächlich bei Tesla – obwohl in der ersten EGT-Saison der Markenname durchaus ein guter Marketing-Magnet sein wird.

Viel wurde technisch nicht verändert, zumindest laut Electric GT. Welche Bauteile spielen im Racing die größte Rolle und wie wird hier die EGT performen?

Besonders wichtig ist natürlich die Gewichtsverteilung. Diese hat großen Einfluss auf die Performance des Autos – speziell weil der Renn-Tesla mit einem Kampfgewicht von über 1.800 Kilogramm mehr als eine Mercedes E-Klasse wiegt.

Im Großen und Ganzen hat der EGT-Tesla allerdings ordentlich abgespeckt. Die überarbeiteten Aufhängungen sind im Rennbetrieb von großer Wichtigkeit, gleiches gilt selbstverständlich für die Bremsen.

Siehst du durch die Nähe zum Serienfahrzeug bei der Electric GT mehr Potenzial, serienrelevante Entwicklungen hervorzubringen?

Das Potenzial ist grenzenlos, sofern entwickelt werden darf. Fast alle großen Neuerungen für das Automobil kamen aus dem Rennsport – so gab es beispielsweise erst Rückspiegel an Straßenfahrzeugen, nachdem sie als Innovation im Motorsport getestet wurden. Ähnliches gilt für die EGT und das „Zeitalter des Lichts“: In einer noch größtenteils unentdeckten Welt der Elektromobilität übergibt man der EGT den goldenen Schlüssel, um die Tore in die Zukunft zu öffnen.

Nur leider bäumt sich Tesla momentan noch vor dem Tor auf. Die EGT-Ingenieure brauchen definitiv mehr Entwicklungsspielraum, sonst gibt es in der nahen Zukunft keine serienrelevanten Entwicklungen aus der EGT.

Welche technischen Sponsoren/Experten/Firmen braucht die Electric GT?

Mit der Beschreibung „Tesla-Serie“ hat die EGT als Branding schon alles richtig gemacht. Das zieht für den Beginn Zuschauer an. Gesetzt den Fall, dass sich die Serie aber so rasant entwickelt wie die Formel E – was durchaus möglich wäre – braucht die EGT aber schnellstens einen neuen „dicken Fisch“. Beim Formel-E-Auftaktrennen in Peking tapezierten bereits Julius Bär, DHL, Michelin, Qualcomm und TAG Heuer die Streckenbarrieren – und die EGT?

Da gibt es bislang nur Pirelli, DHL und die internationale Anwaltskanzlei Baker & McKenzie. Der Sicherheitspartner OMP wird garantiert nicht werben. Vollkommen egal, welche Partner die EGT bekommt – fürs Erste braucht die Elektroserie überhaupt Partner!

Welche Firmen, Sponsoren oder Hersteller würdest du dir wünschen?

In der mittelfristigen Zukunft freue ich mich schon riesig auf die Tesla-Jäger wie NextEV (bekannt aus der Formel E), BMW i, Porsche und Lucid Motors – der Kampf zwischen den großen Konstrukteuren wird riesig! Die Devise lautet: möglichst „grüne“ Sponsoren. Wie wäre es mit einem EGT-Team, powered by Greenpeace?